Dennis Pauler
Dennis, Deutschland und die Welt
Gedacht: Von der Ambition, Computerspiele zu entwickeln (Homecomputer-Geschichten)
Meine Freunde und ich hatten schon im Alter von 11 Jahren Blut geleckt. Wir wollten nicht mehr länger nur Computerspiele SPIELEN, wir wollten sie auch selbst ENTWICKELN. Doch aller Anfang ist schwer. Nach mäßig erfolgreichen Experimenten mit Basic auf dem C64 und AmigaBasic auf dem Amiga suchten wir nach Wegen, mehr aus unseren Rechnern herauszuholen. Ein kurzer Ausflug in die Amiga-Programmierung mit C anhand eines Kurses aus der Zeitschrift AmigaPlus führte auch nicht zum Ziel, denn der Kurs endete nach ein paar Lockerungsübungen dort, wo es interessant hätte werden können. Uns fehlten die Kontakte, die Bücher und vermutlich die Phantasie, wie wir unser Können hätten weiterentwickeln können. Dass der Weg zudem viel komplizierter war, als wir damals dachten, sollte mir erst über 20 Jahre später klar werden, als ich das Kapitel „C für den Amiga programmieren“ schließlich doch wieder aufschlug.
Ambitionsreich, aber leicht frustriert, stolperten wir nach Experimenten mit Shell-Skripten und dem RedSector-Demomaker schließlich auf eine Programmierumgebung, die das versprach, was wir uns erhofft hatten. Die Rede ist von „AMOS – The Creator“, und unser Ziel, endlich vernünftige Spiele selbst zu entwickeln, war in greifbarer Nähe.
Das Jahr war 1994 und die Voraussetzungen hätten nicht besser sein können. Unter dem Namen „Virtual Dimension“ hatte sich eine coole Truppe zusammengefunden, die gemeinsam ihren Traum der Spiele-Entwicklung wahr machte. AMOS – zunächst in der Basis-Variante, dann in der Pro-Version – ermöglichte schnelle Entwicklungs-Fortschritte mit Hintergrundgrafiken, Bobs und Musik. Und unsere Plattform war DIE Spiele-Maschine: der Amiga, der mit den AGA-Rechnern gerade erst ein zeitgemäßes Upgrade bekommen hatte und zumindest in Puncto Preis/Leistung mit den PCs mithalten konnte. Wir arbeiteten an gleich mehreren Spielen gleichzeitig, teilten uns die Arbeit auf und trafen uns mehrmals pro Woche zu gemeinsamen Entwicklungssessions mit Pair-Programming.
Parallel begannen wir uns zaghaft mit der Netzgemeinde zu vernetzen, luden uns die neusten Tools und Demos aus Mailboxen herunter, schrieben unsere ersten E-Mails und diskutierten im Usenet wichtige Fragen wie „Ist Warp 9,9 Periode = Warp 10?“.
Als uns dann die Nachricht vom Konkurs von Commodore, der Mutterfirma des Amiga erreichte, nahmen wir das erst einmal unbewegt zur Kenntnis. Schließlich wurde in den Computerzeitschriften Optimismus verbreitet, dass schon bald ein finanzstarker Käufer gefunden werden würde (so war beispielsweise Samsung im Gespräch) und die Aufholjagd zum PC dann nur umso schneller gehen würde. Doch je mehr Monate ohne positive Nachrichten verstrichen, umso größer wurden unsere Sorgen.
Zunächst einmal setzten wir jedoch alles daran, unser erstes Spiel fertig zu bekommen. Im Herbst 1994 war es dann endlich soweit und „Walls“, ein heftig von „Breakout“ und „Arkanoid“ inspiriertes Spiel, war bereit zur Veröffentlichung. Anders als unsere vorherigen Programmierversuche, die nur selten andere Disketten als unsere eigenen gesehen hatten, wurde „Walls“ von gleich drei Public-Domain-Serien (Spielekiste, German Games und Nordlicht-PD) in ihr Programm aufgenommen. Das Amiga-Magazin berichtete in einem kleinen Abschnitt über unser Spiel und eines Tages standen sogar unangekündigt Fans vor der Tür und dem leicht überforderten Dennis.
Im Usenet brodelte derweil die Gerüchteküche über die Zukunft des Amiga. Commodore UK hatte in einem Management Buyout die Amiga-Rechte übernommen und würde schon bald mit dem Amiga 1300 CD einen neuen Rechner auf den Markt bringen, hieß es da beispielsweise. Das stellte sich zwar bald als Falschmeldung heraus, aber durch die Erzählungen von David Pleasance wissen wir inzwischen, dass es beinahe wahr geworden wäre.
Eine Gruppe von Fans wollte dann auch nicht länger warten und beschloss, das AmigaOS durch eine Open-Source-Neuimplementierung zu ersetzen und auf den PC zu portieren. Das Amiga Replacement OS – kurz AROS – wie es zu Beginn noch hieß, war geboren.
Es war Bewegung in der Szene, doch die Zeit verging und immer mehr Nutzer und Entwickler verließen den Amiga. Wenn sich nicht bald ein Käufer fand, der das sinkende Schiff retten konnte, dann würde unser geliebter Rechner den Anschluss an die PC-Welt endgültig verlieren. Der Song „Final Countdown“ von Europe bekam in dieser Zeit für mich eine ganz neue Bedeutung.
Ein Jahr nach dem Commodore-Konkurs fand sich mit Escom endlich ein Käufer, der erhoffte Neustart viel dann aber viel schwächer aus als erhofft. Der inzwischen drei Jahre alte Amiga 1200 wurde wieder produziert, doch ohne Turbokarte, Speichererweiterung und Festplatte konnte man 1995 damit niemanden mehr beeindrucken. Neue Rechner wurden angekündigt, doch bevor es ein neuer Amiga bis zur Ladentheke geschafft hatte, war auch Escom in Konkurs gegangen und die Zitterpartie begann aufs Neue.
Hatten wir der Wahl des Amiga als Plattform für eine Spiele-Entwicklungs-Ambitionen also auf das falsche Pferd gesetzt? Ja und nein. Die drei weiteren Spiele, die wir schließlich 1998 noch für den Amiga veröffentlichten – alle mit AMOS geschrieben – erzielten immerhin viele Tausende Downloads von unserer inzwischen eingerichteten Website. Den Anschluss an die moderne Spiele-Entwicklung hatten wir aber endgültig verloren.
Im Nachhinein betrachtet war dies sicher nicht das Schlechteste, was uns passieren konnte, denken wir mal an die schlechten Arbeitsbedingungen, die bis heute in der Spiele-Branche herrschen. Unsere beruflichen Laufbahnen schlugen wir dann in andere Richtungen ein, auch wenn der Gedanke an die Entwicklung eigener Spiele bei uns nie ganz verblassen sollte.
Anfang der 2000er Jahre schien der Amiga Geschichte zu sein, allen Versuchen, der Plattform mit Hilfe des PowerPC-Prozessors neues Leben einzuhauchen zum Trotz. Doch wie wir sollten sich auch viele andere gerne an die Zeit mit dem Amiga erinnern und so erschienen ab dem Jahr 2013 langsam wieder neue – auch kommerzielle – Spiele für unsere alte Freundin. Dank des Internet konnten wir Kontakte mit vielen anderen Amiga-Fans knüpfen und besannen uns schließlich wieder auf die alte Idee, eigene Spiele für den Amiga zu entwickeln. Natürlich haben wir nicht mehr so viel Zeit, wie wir sie als Schüler hatten, und so geht die Reise nur langsam voran. Doch die verschworene Gemeinde, die den alten Rechner einfach nicht sterben lassen will, hat uns eine Heimat gegeben und lässt uns das Ziel trotz allem nicht aus den Augen verlieren – und diesmal sogar wirklich mit der Programmiersprache C!
Aber das ist eine andere Geschichte…